The story of Abbaddon
  Kapitel 6: Nuntius
 


Kapitel 6: Nuntius – der Bote
(Winston MC Wilbur)



 Während ich diese Nacht traumlos ruhen konnte, gab es hingegen jemand andere der um seinen wohlverdienten Schlaf gebracht wurde. Bin ich auch kein geschickter Geschichtenerzähler, so will ich doch für diese paar Stunden im Dunkeln von mir abschweifen und das Augenmerkt auf eine andere Person lenken. Sie wird auf den ersten Blick weder interessant noch außergewöhnlich wirken, doch wie so oft ist es der Schein der trügt.

Nur ein paar Straßen weiter, in einem der gehobenen Viertel von London, saß der Mann von dem ich sprechen will in einem totenstillen Hausflur. Bis auf eine einzelne Öllampe erhellte nichts die Umgebung und er saß, den Kopf in beide Hände gelegt, auf einer dick gepolsterten Ebenholzbank. So weich das mit schwarzem Stoff bezogene Kissen auf dem er wartete auch war, nach einigen Stunden des Ausharrens fühlte er sich an wie ein mit Steinen gefüllter Sack. Seine Finger fuhren durch das kurze, braune Haar dass wirr von seinem Kopf abstand. Müde und nervlich erschöpft lenkte er seinen Blick ihm gegenüber auf eine schwer ächzende Standuhr, die ihn schmerzlich daran erinnerte wie lang er bereits darauf wartete dass sich die Tür am anderen Ende des Flurs öffnete. Bereits einen Moment später erfüllte sich sein Wunsch mit einem leisen quietschen und er erhob sich aprubt. Auf leiser Sohle schob sich eine dürre Gestalt durch den Türrahmen, gekleidet in einem dunkelbraunen Frack mit einem weißen, gerüschtem Hemd darunter.
„Winston?“
Der müde Mann sah plötzlich sehr aufmerksam und erwartungsvoll zu der neuen Person auf. Ihr Gesicht war das eines erschöpften alten Mannes mit zurückgekämmten, weißem Haar, der sich gerade so zu einem Lächeln zwingen konnte.
Winston heuchelte ebenfalls Freundlichkeit, schob seine Brille wieder gerade auf die schmale Nase und streckte seinem gegenüber engagiert die Hand hin.
Der alte Mann lächelte, ergriff diese mit seinen dürren Fingern und schüttelte sie kraftlos.
„Willkommen. Ich bin Mr. Maddow , der ehemalige Protokollist ihrer Majestät.“
Winston lächelte und verbeugte sich leicht.
„Es ist mir eine Ehre, Sir.“
Beim Blick nach unten entging ihm nicht der gepackte Koffer den Mr. Maddow bei sich stehen hatte. Den alten Mann so zu sehen gab ein recht melancholisches Bild ab, das Bild eines ehemals tüchtigen jungen Burschen der geschäftig seiner Arbeit nachging und nun am Ende angekommen war. Und er, Winston ein Jungspund aus Schottland der einfach nur weg wollte von seinem verkalkten, geizigen Arbeitgeber für den er dreimal die Woche schlecht vorbereitete Reden notieren durfte, würde ihn nun ersetzen.
Beide musterten sich gegenseitig eine Weile schweigend. Maddow entging nicht Winstons zerstrubbeltes Haar, das zerknitterte graue Jackett und die dreckigen Stiefel und genau deswegen musste er unwillkürlich erfrischt grinsen über seinen Nachfolger.
„Tretet nur ein.“, murmelte er, legte eine Hand auf seine Schulter und führte den Schotten in sein Büro. Auch dieses Zimmer war in Dunkelheit getaucht, mit Ausnahme eines massiven Schreibtisches der von einem dreiarmigen Kerzenleuchter in sanftes Licht getaucht wurde. Ordentlich platziert lag auf der Tischplatte ein gelbliches Papier samt Feder und Tintenfass, die Winston zur Hand nahm und sorgfältig den Arbeitsvertrag unterschrieb. Dieser Fetzen würde dafür sorgen dass er in Zukunft, in respektvollen Abstand versteht sich, im selben Raum mit dem mächtigsten Mann von England sitzen würde, jedes seiner Worte notierend.
„Endlich...das warten hat sich gelohnt.“, seufzte Winston befreit als er nach draußen ging. Maddow nickte.
„Die Reise muss anstrengend gewesen sein.“
„Oh nein, die Fahrt mit der Kutsche war aufregend und eine neue erfrischende Erfahrung. Die Zeit im Wartezimmer schien mir allerdings endlos.“
Nachdem er das gesagt hatte lachte Winston kurz auf.
„Dabei kann es noch nicht mal eine Stunde gewesen sein.“
Maddow zog eine silberne Taschenuhr hervor und warf einen prüfenden Blick auf ihr schimmerndes Ziffernblatt. „10 Minuten.“
Winstons grüne Augen weiteten sich.“10 Minu-...oh."
Maddow lächelte schräg. „Die Aufregung. Das kenne ich nur zu gut.“
Dann hob der Alte seinen Koffer in die Kutsche die neben ihnen Halt gemacht hatte und stieg danach selbst ein.
„Ich wünsche Ihnen viel Glück, Mc Wilbur.“
„Danke Sir. Vielen Dank.“
Dann schloss sich die Kutschentür, die Pferde setzten sich in Bewegung und kurz darauf stand der Protokollist einsam und verlassen auf der bis auf den Schein einer Laterne unbeleuchteten Straße. Ein wenig verloren starrte der junge Mann in den Himmel, der nichts als eine schwarze Fläche war, ein unendlicher Raum der entdeckt werden wollte, traumhaftes genauso wie entsetzliches in sich aufnahm, Tag für Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr.
Winston erkannte im Nachthimmel nicht halb so viel wie ich. Im Gegensatz zu mir musste er auf seiner Reise nicht nächtelang im Freien schlafen, ohne Dach über dem Kopf.
Und doch schauderte ihm bei dem Anblick so sehr, dass er sein Haupt senken musste um sich auf den Weg zu seinem Quartier machen zu können.
Das war einer der großen Unterschiede zwischen ihm und mir, zwischen Mensch und Monstrum. Er fürchtete die Finsternis, ich war die Finsternis. Er glaubte an die Bewohner einer Schattenwelt und jetzt wo er alleine unterwegs war spürte er ihren schwefligen Atem um Nacken, fühlte die ledrige Haut die die seine streifte.
Winston wusste um uns, um die Teufel, um die Trollen unter den Brücken, um die bösen Hexen und den kopflosen Reiter.
Winston Mc Wilbur, Protokollist der englischen Krone, wusste dass es Dämonen gab. Er wusste es nicht von erfundenen Schreckgeschichten oder verstaubten Legenden, sondern weil er schon einmal einen der unsrigen wahr und wahrhaftig gesehen und berührt hatte. Nie konnte er dieses Erlebnis mit jemandem teilen, war es doch einfach zu absurd gewesen um es zu glauben.
Doch genau dieser Umstand zwang Winston dazu seinen Schritt weiter zu beschleunigen.
Er war ein guter Schreiber, ein sehr talentierter um genau zu sein. Das alles verdankte er einer Begabung die er in mancher Hinsicht einfach nur als Fluch betrachten konnte. Die, die ihn kannten wussten dass sein Hirn selbst eine einzigartige perfekte und exakte Chronik über das Leben des Herrn Mc Wilbur war, ohne Lücken und Unregelmäßigkeiten. Er konnte sich an jedes Detail erinnern, war es noch so unwichtig, klein und unscheinbar. Winston wusste welches Wetter am Tag seines fünften Geburtstages, zehn Minuten vor Mittag war, dass es gerade aufhörte zu regnen, die vier Kinder aus der Nachbarschaft zu Besuch kamen, er ein nigelnagelneues weißes Hemd trug, der Kuchen den sie aßen in neun Stücke geteilt war, wovon zwei Teile größer waren als die restlichen sieben.
Dies ist nur ein kurzes Beispiel und nicht nur jemand Fremdes schwirrte nach diesem Einschnitt der Kopf, sondern auch Winston selbst. Er bekam manchmal starke Kopfschmerzen, so lange und quälend dass er Medizin zu seinem wohl ewigen Begleiter zählte. Es war unterträglich seine Gedanken und Erinnerungen nicht kontrollieren zu können, ich musste es wissen.
Doch noch viel scheußlicher war es sich an jede abartige geschlagene Wunde erinnern zu können, erinnern zu müssen. Zwar gab es in so einem ordinären Menschenleben nicht so viel traumatisches zu bewältigen, aber ich wollte mir nicht ausmalen wie es sein würde die Augen zu schließen und jedes Mal aufs neue Tineoidea sterben zu sehen als würde es gerade erst geschehen mit all dem Schmerz und all der Trauer derer ich mich so frisch entsinnen konnte.
Auch Winston hatte furchtbares erlebt.
Als er, die Schritte immer schneller werdend, in eine Gasse abbog bildete er sich hallende Stimmen ein. Sie kicherten und lachten ihn aus, ihn und seine für Dämonen so gering und mickrig wirkende Gestalt. Die kalten und vor Feuchtigkeit glänzenden Wände verwandelten sich um ihn herum in eine moosbewachsene Landschaft, schemenhaft da teils verborgen vom typischen Nebel des schottischen Moores. Mühsam stapfte Winston voran, wobei er jedes Mal ein schmatzendes Geräusch erzeugte wenn er das Bein mühselig aus dem Schlamm zog. Keuchend griff er nach einem Tuch aus seiner linken Jackentasche und tupfte sich damit über das schweißnasse Gesicht. Er war kalt und entstand aus dem Gefühl der Angst. Weil das höhnische Lachen nicht enden wollte wandte er sich immer wieder nervös um.
Damals, als die sich aufbäumende Erinnerung Wirklichkeit war, hatte er sich gefürchtet vor allem was das hätte sein können. Nun war er schlauer: Er wusste was kommen sollte, doch das linderte seine Panik nicht besonders.
Manches Wissen schaffte es die Furcht vor der Zukunft ins unendliche zu steigern. Genau deshalb schlug Winston plötzlich die Hände über den Kopf zusammen.
„Nur eine Illusion.“, brabbelte er. „Nichts als eine Einbildung Winston.“
„Winstooon!“
Seine Augen weiteten sich.
„Winstoooon?“
Die grausam schiefe Stimme seines personifizierten Alptraumes drang deutlich und ungetrübt an sein Ohr. Humpelnd und schlurfend kam eine bucklige Silhouette auf ihn zu, kaum größer als ein Kind aber keifend und krächzend wie eine uralte Hexe.
Mit schlotternden Knien wich Winston zurück und tastete hektisch nach einem Fläschchen in seiner Westentasche. Wie alle Menschen glaubte auch er daran dass gegen alles Unheil in ihren Köpfen schon eine Medizin erfunden worden wäre. Zugegebenermaßen verhalfen ihm diese bitteren Tropfen zur Ruhe und wieder zu Verstand zu kommen, aber nur für eine immer geringer werdende Zeitspanne. Bald würde das Zeug gar keine Wirkung mehr zeigen.
Ungeschickterweise ließ er den Behälter bei dem Versuch fallen den Korken zu lösen und er verschwand gluggernd im schwarzen Moorschlamm zu seinen Füßen.
Gackernd und kichernd sprang der bucklige Schatten auf, packte Winston an beiden Handgelenken, worauf ein schneidender Schmerz den erschrockenen jungen Mann schüttelte und er gellend aufschrie. Das kleine Monster lachte nur weiter und so laut, dass es Winston für immer ins Gedächtnis eingebrannt bleiben würde, so wie alle anderen Geschehnisse. Das Blut dass an seinen Armen herunterronn, der faulige Gestank des Moores und der vor Freude tanzende Dämon, alles Inhalte eines scheuslichen Kapitels in Mc Wilburs Chronik das wie von Geisterhand immer wieder aufs neue aufgeschlagen wurde.
Zitternd ging Winston in die Knie. Zusammengekauert lehnte er wieder an der feuchten Wand, irgendwo in einer einsamen Gasse im vernebelten London. Jegliches Geräusch verstummte und diese Stille tröstete ihn. Er hatte Recht, alles war nur eine Illusion gewesen, doch eine bestechend realistische.
Ja, Winstons Fähigkeit war beeindruckend. Doch noch mehr als alles andere machte sie ihm Angst. Es war so eine bittere Unerträglichkeit dass es ihm die Kehle verengte, dass er kaum mehr atmen, sondern nur noch leise wimmern konnte.
Als er Zuhause war legte er sich selbst grobe Verbände um die Handgelenke herum an. Es lag nicht daran dass er fürchtete erneut dem Monster zu begegnen. Vielmehr sorgte er sich darum irgendwann den Verstand zu verlieren und sein Leiden zu beenden, in dem er sich ein Beispiel an diesem Trugbild nahm und sich die Pulsadern aufschnitt. Er wusste es, er wusste einfach wenn es geschehen würde dann auf jene Art und Weise.
Er legte sich zur Ruhe, aber seine Augen blieben weit geöffnet. Nicht mal sein weiches Bett, die Freude über seinen Aufstieg wollten ihn schlafen lassen.

 Weiter als zu seinem dämmrigen Dösen schaffte er es letztendlich nicht, bis um die fünfte Morgenstunde herum jemand hartnäckig an seine Zimmertür klopfte. Er drehte dem lästigen Geräusch den Rücken zu, doch leider war sein Besucher mit beachtlicher Hartnäckigkeit gesegnet. Also rappelte sich Winston dann doch auf, nahm sich aber alle Zeit der er brauchte um sich in Hose und Hemd zu kleiden, in die Stiefel zu schlüpfen und zwischendurch immer Mal wieder herzhaft zu gähnen.
„Winstooon!“, donnerte es durch die Tür.
„Winstooon! Heben sie ihren blassen Schreiberhintern und machen sie gefälligst auf!“
Der Junge Schotte blickte nur verdutzt zur Tür.
„Wer sind sie?“,fragte er zögerlich.
„Jemand der ihnen gleich einen Satz heiße Ohren verpassen wird wenn er nicht eingelassen wird!“ Die Stimme des Fremden kam Winston nicht im geringsten bekannt vor, klang erregt und äußerst aufgebracht. Mit einem unbequemen Gefühl in den Beinen drückte er dann aber doch den abgegriffenen Hebel nach unten.
Der Herr mit dem aggressiven Gemüte glich nicht nur charakterlich einem tollwütigen Schoßhund, auch sein Äußeres ließ Rückschlüsse zu dass irgendwo in seiner Blutlinie ein kläffender Vierbeiner versteckt war. Dicklich, etwas kurz geraten und mit kleinen stechenden Augen, die man unter seinen durchaus erwähnenswerten Brauen eher erahnte als wirklich sah, hatte er die perfekte Figur für ein Hundehalsband. Winston war schlau genug diese interessante Assoziation nicht mit seinem Besucher zu teilen sondern ging eilig zur Seite um ihn eintreten zu lassen.
„Ja wie seht ihr denn aus?!“, knurrte der dicke Hund den Schreiber sogleich wieder an und nahm ruckartig seine leicht verbeulte schwarze Melone ab. Darunter verborgen hatte der einergische Eindringling einen ziemlich schütternen Haarkranz auf den Winston verdutzt von oben herab sah. Er war nicht nur ein bisschen kurz geraten der gute Herr, er war wirklich, wirklich klein.
„Also...das ist....dürfte ich erst einmal erfahren wer sie sind?“
„Aber bitte doch.“, brummte der Köterich. „Bolerius Brecht, Hauptsekretär und ihr direkter Vorgesetzter.“
Scheinbar geübt hatte Bolerius sich auf einen zufällig im Mobiliar enthaltenen Hocker gestellt und hob nun in einiger Entfernung von Winston die irgendwie ulkig dickbefingerten Hand in die, die der junge Protokollist nach einigen verwunderten und zugleich faszinierten Blicken ergriff.
„Winston Mc Wilbur.“,stammelte er. „Es freut mich eure Bekanntschaft zu machen.“
„Genug Etepetete.“Bolerius hüpfte vom Hocker und piekte Wilbur mit dem Zeigefinger auf Zwergenkopfgröße in seine Hühnerbrust.
„Macht euch gefälligst ausgehfertig! Wir haben viel zu tun, Jungspund!“
„Worum geht es? Ich dachte ich müsste erst morgen antreten?“, wagte Winston nachzufragen während er versuchte sein Haar zu bändigen in dem er vor dem Spiegel ein dutzend Mal über sie strich.
Bolerius schnaubte.
„Sie sind Protokollist Mann! Sie sind immer im Dienst! Eigentlich müssten sie sich jedem Mitglied der Krone gleichzeitg auf den Rücken binden!“
Winston fand diese Vorstellung nicht gerade prickelnd, trotzdem wagte er sich von der Waschschüssel weg und zog sein Jackett über.

 Bolerius war ein Mann mit einem unerschöpflichen Temperament, dass scheinbar nie an Hitzigkeit und Bissigkeit verlor. Somit konnte er Winston mit Leichtigkeit davon überzeugen mit ihm zu kommen, auch wenn er immer noch nicht ganz durchschauen konnte, wohin es denn nun ging.
„Ihr wisst gar nicht was ihr für ein verdammtes Pech habt genau jetzt hier zu landen.“,platzte der kleine Sekretär plötzlich heraus, als er Winston durch einen heruntergekommenen Teil von London führte. Angewidert sah der Schotte auf die verdreckte Straße die unter Unrat aller Art fast vollständig verschwand.
„Unsere Majestät ist gerade zu in Rage! Die vergangenen Ereignisse gleichen für ihn einer Apokalypse!“
Winston blickte Bolerius unverständlich an. Als besonnener Schotte der nicht sofort alles tragisch sah schätzte er den König als besonders hektisch und nch dazu übertrieben sorgenvolle Person ein.
„Was für Ereignisse beunruhigen Durchlaucht denn so dermaßen?“, grübelte er stirnrunzelnd. London erschien ihm als friedliche Stadt, nirgendwo war die Rede gewesen von irgendeiner besonderen Problematik.
Bolerius blieb stehen und ließ die kleinen stechenden Augen schweifen.
„Das wovon ich rede ist nicht für die Ohren des Volkes bestimmt.“, raunte er und zog Winston am Arm weiter. Trotz seiner geringen Größe hatte dieser Mann eine Kraft die man nicht unterschätzen sollte, weswegen sich Wilbur auch beeilte mit ihm Schritt zu halten um nicht seinen Zorn zu beschwören.
Mit einem Mal veränderte sich die Umgebung als die beiden Herren an eine Straßenkreuzung kamen. Deutlich trennte sich hier der Adel vom Pöbel durch sauber gefegte Straßen, prunkvolle und auch von außen gepflegte Häuser mit künstlerischen Fassaden. Zwei Wachen die gerade auf und ab marschierten musterten Winston und Bolerius mit äußerst grimmiger Miene, gingen aber unbeirrt an ihnen vorbei. Vor manchen Wohnsitzen komplettierten hübsche kleine Gärten voller duftender Blumen das Gesamtbild, die aber wohl allein der Dekoration und Präsentation dienten, denn nirgends saß oder stand jemand vor den duftenden Beeten. Dafür ließen die Wohlhabenden es sich nicht nehmen auf den Wegen zu flanieren, vor allem die holden Damen mit ihren feinbestickten und aus prachtvollen Stoffen genähten Kleidern, samt ausgefallenen Hüten mit bunten Federn und Perlen. Die Herren trugen Ausgehröcke mit silbernen ode gar goldenen Knöpfen und auf den dunklen Gewandungen schimmerte der Schmuck mit all seinen bunten Steinen am schönsten.
Ein Kribbeln durchlief Winston von den Zehen an aufwärts als Bolerius und er tatsächlich mehrmals von ein paar hohen Herrschaften mit einem „Guten Tag“, einem kurzen Handzeichen oder einem knappen Nicken gegrüßt wurden. Selbstverständlich war es die Anwesenheit von Bolerius die sie dazu beflügelte, nicht etwa von dem unordentlichen Kerl der müde neben ihm herschlenderte wie sein Untergebener, was er auch irgendwie war, wenn man ganz ehrlich und offen sprechen wollte. So war sie, die Hierachie der Menschen. Der mit dem meisten Geld stand ganz oben. Oder aber...
die Person, die am meisten Aufsehen erregte, ob sie nun schockierte oder faszinierte, ist es doch denen der Mensch sich erinnert und der einen Titel verleiht. Die wirklichen Könige sind also die größten Eroberer, die schwersten Verbrecher, reißende Bestien, skandalöse Adelige und hirngespinnste wie Götter und Heilige. So jemand wie Winston verschwand allerdings unter jedem dieser Begriffe in der Unwichtigkeit. Ich selbst war mir noch nicht im Klaren darüber welche Position ich bereits errreicht hatte, gab es doch jedes zweite Mal wenn ich auftrat einen blutigen Aufstand. Die perfekte Voraussetzung dafür mir noch mehr Feinde zu machen als ich sowieso schon hatte.
Aber ich schweife ab...
Winston schämte sich nicht besonders für sein 'schäbiges' Auftreten, obwohl ein gewisses Unwohlsein seinen Magen zum Schwanken brachte. Der drahtige Bolerius nahm es entweder nicht zur Kenntnis oder hatte kein Erbarmen mit seinem Angestellten. Unbeirrt und eilig führte er ihn zu einem Grundstück dass deutlich von einem schwarzen Gitterzaun abgegrenzt wurde, der schätzungsweise 3, vielleicht aber auch 4 Meter in die Höhe ragte. Durch die Stäbe erkannte Winston einen gepflasterten Hof vor einem stattlichen Anwesen dessen Fassade ganz mit weißem Stein verkleidet war. Fahnen mit dem Wappen Englands wehten kaum in der leichten Brise während sie von den nach oben strebenden Fenstern herab hingen und den einzigen farbigen Akzent in Angesicht des grauen Pflasters und des strahlend weißen Gebäudes darstellten.
Bolerius trat unbesonnen durch das Portal an der Vorderseite und die Scharniere quietschten erbärmlich. Die Verzierungen an der Seite waren bereits angefressen vom Zahn der Zeit, an einigen Stellen gerostet und so wirkten die Rosen die die Verschönerung darstellen sollten kaputt und dem verwelken nah. Eine unbestimmte Kühle ließ Winston erschaudern als er über die Schwelle schritt. Hier betrat er Territorium das nur der Oberschicht bestimmt war. Vorher war es nur eine leise Ahnung, doch jetzt war Winston sich bewusst dass er stolz auf sich sein musste so weit gekommen zu sein mit einem Beruf der sonst nur belächelt wurde. Was ihn in Zukunft weniger erfreuen würde waren die vielen mehr oder weniger kolossalen Überaschungen mit denen er bald und öfter konfrontiert werden würde als ihm lieb sein könnte.
Bolerius stieg mit federnden, eiligen Schritten die flachen Stufen zur Haustür empor und klopfte kräftig mit seiner kleinen Faust gegen die Tür. Fast auf Anhieb wurde den beiden geöffnet. Ein faltiger Butler in Dienstuniform, die Nase rümpfend bei Winstons Anblick bat sie darauf eilig hinein und schloss die Tür anschließend sorgfältig ab.
Die hektischen Schritte wurden augenblicklich von einem smaragdgrünen Teppich geschluckt, der bis zum Ende des Ganges auslag. Der eigentliche Fußboden bestand aus einem schwarz-weißen Schachbrettmuster und war so blitzblank dass sich die mit goldenem Stuck verzierte Decke in ihm spiegelte.
Am Ende des weitläufigen Ganges öffnete er sich zu einem kreisrunden Saal, der genau in der Mitte durch einen ebenfalls grünen Vorhang getrennt wurde, mit goldenen Stickereien am Rand.
Riesige Portraits berühmter Persönlichkeiten hingen in protzigen Rahmen an den Wänden verteilt und blickten mit erhabener Pose auf Bolerius und Winston hinunter als würden sie sie als nicht würdig erachten diese Räumlichkeiten auch nur mit einem Hauch zu streifen.
Man erwartete die beiden bereits.
Es mutete fast schon wie der Beginn eines sehr exklusiven Theaterstücks an, denn nur zwei verloren wirkende Stühle standen in der Front des Vorhanges, der Rest der Halle war völlig leer.
Winston sah Bolerius fragend an während dieser sich hinter eine der hölzernen Sitzgelegenheiten stellte,die ihn gerade so nicht überragen konnte. Stumm sah er grade aus und Winston tat es ihm nach.
Jetzt wo er so schweigend und regungslos blieb, hörte er ein eindringliches Flüstern hinter dem schweren Stoff. Es war zu leise als das Winston verstehen hätte können was dort geredet wurde. Trotzdem fixierte der Schotte den Saum des schweren Stoffes der genau vor ihm hing und konzentrierte sich einzig auf die säuselnden Stimmen.
Es waren zwei, eine klang gleichgültig, abweisend, die andere bittend, fast schon verzweifelt
Als der Vorhang ruckartig beiseite geschoben wurde erschrak Winston kurz, hob den Kopf und sah wie jemand in einer schwarzen, wallenden Robe heraustrat. Sie erinnerte an die Gewandung eines Richters, dafür sprach auch die weiße Perücke die er in seiner Rechten fest umklammert hielt. Der Mann hatte bereits ein fortgeschrittenes Alter erreicht, sein Gesicht war von tiefe Furchen gezeichnet und tiefrot angelaufen. Er schnaufte einmal kurz befreit aus als Bolerius auf ihn zutrat und tupfte mit einem Tuch den Schweiß auf seiner Stirn ab.
„Oh beim Erbauer, bin ich froh euch endlich hier zu haben!“
„Was gibt es?“, hakte Bolerius nach und legte den Kopf schief.
„Majestät ist außer sich!“, flüsterte der Richter. „Und auch er erwartet euch schon ungeduldig.“
Der Sekretär nickte und seine Mine verdüsterte sich unheilversprechend.
Dann trat er an Winstons Seite.
„Das ist der neue Protokollist, Mc Wilbur,“, murmelte er.
„Richter Serpen.“, entgegnete der Mann in der schwarzen Robe und nickte dem Neuen nur eilig zu um seine Aufmerksamkeit wieder Bolerius zu schenken.
„Was sollen wir jetzt tun? Wenn die Leute das erfahren...!“
Bolerius schüttelte den Kopf. „Niemand wird davon Wind bekommen..“
Beide Männer wandten sich zu Winston und sahen ihn zweifelnd an. Winston starrte verwirrt zurück, schüttelte als er begriffen hatte eilig den Kopf und versicherte: „Nein. Niemand. Garantiert nicht.“
„Gut.“ Richter Serpen hob beschwichtigend die Hände und ließ sie wieder sinken, scheinbar um sich selbst zur Ruhe zu bringen. „Dann werde ich Majestät jetzt Bescheid geben.“
Bolerius nickte zustimmend. Nachdem der Richter wieder hinter dem Vorhang verschwunden war beugte er sich zu Winston.
„Vergesst nicht mit wem wir es gleich zu tun bekommen. Er ist nicht irgendein mächtiger Schnösel, er ist der König. Geht auf die Knie und bleibt so und blickt nur auf wenn er mit euch spricht. Und sobald ich es euch sage geht ihr zum Pult und notiert alles was wir sagen. Habt ihr verstanden?“
„Entschuldigt die dumme Frage...aber was ist das hier? Eine Art Kriesenintervention?“,hakte Winston nach. Ihm war irgendwie unwohl bei dem Gedanke dieses Gespräch mit anzuhören.
Bolerius buschige Augenbrauen schoben sich zusammen und sein Blick wurde so düster das Winston sich wünschte die Frage nie gestellt zu haben.
Plötzlich packte der Sekretär ihn am Kragen und zog das Gesicht des Protokollisten auf seine Augenhöhe.
„Wenn auch nur ein Wort dieses Haus verlässt werde ich euch dafür zur Verantwortung ziehen und dafür Sorgen dass ihr nie wieder sprechen, geschweige denn hören können werdet, ist das klar?!“
Seine Stimme war ein leises, aber angsteinflösendes Zischen geworden.
Der Schotte schluckte, nickte eilig und zupfte den Kragen seines Jacketts zurecht nachdem Bolerius ihn wieder los gelassen hatte. Dieser atmete tief ein, setzte ein entspannteres Gesicht auf und fuhr etwas weniger furchteinflössend fort.
„Vor einiger Zeit ist in einer Stadt namens Auldale ziemlich weit von hier ein Mord geschehen. Oder besser gesagt eine ganze Reihe von Morden.“
Winston stutzte.
„Ein Massenmörder? Wisst ihr schon wer es war?“
Bolerius nickte.
„Was nicht gerade hilfreich ist. Er ist untergetaucht.“„Und davon lässt sich Majestät so beunruhigen? Ich meine wenn ihr schon wisst wer es ist wird er sich bald fassen lassen.“, meinte Winston.
„Ha!“ Bolerius winkte ab.
„Wenn ihr wüsstet. Den der wir suchen ist kein ordinärer Wahnsinniger. Er ist ein verflixt skrupelloser Wahnsinniger mit einem Hang zu besorgniserregend klaren Momenten. Außerdem...“Bolerius legte eine kurze Pause ein und warf Winston einen abschätzenden Blick zu.
„Er befindet sich direkt hier in London und hat auch schon zugeschlagen. Es war zwar nur eine Prostituierte, aber Indizien sprechen dafür dass er es war. Es war annähernd diesselbe Handschrift.
Winstons Augen weiteten sich erschrocken.
„Was?“, stieß er entsetzt hervor und senkte abprubt seine Stimme als ihm klar wurde wie laut er gerade geworden war
„Warum wurde ich darüber nicht informiert?“,fragte er wieder flüsternd. .“Ich meine hier in London hört man niemanden davon reden und in den Zeitungen ließt man auch nichts davon.“
„Ihr seid ein Idiot! Meint ihr wir quasseln sofort alles aus? Das würde die Leute in Panik versetzen und dann können wir ihn in dem ganzen Chaos sowieso nicht mehr entdecken!“,zischte Bolerius.
„Außerdem hat der König sich klar und deutlich ausgedrückt. Im Falle dieses Mörders wird jegliche Information nur an einen kleinen Vertrauenskreis weitergeleitet. Und was er sagt ist Gesetz!“
Winston resignierte mit einem nicken und seufzen. Er vertraute darauf dass wenigstens der Herrscher dieses Landes wusste was er tat, auch wenn das sein ungutes Gefühl nicht beruhigte. Was wäre passiert, hätte dieser irre Mörder ihn gestern Nacht auf der Straße gefunden?
Zusammengekauert und kraftlos, gefangen in einer düsteren Erinnerung.
„Ihr könnt sicher sein dass dieser Mann nicht lange frei herumlaufen wird.“,nuschelte Bolerius.
„Einer so brutalen Bestie wie ihm wird mit Sicherheit die schlimmste Strafe auferlegt die unser Land zu bieten hat. Das kann ich euch versichern.“
Bolerius klang in diesem Moment sehr verbittert, und Winston fragte sich warum er sich da als Sekretär so sicher war. Wahrscheinlich wusste er es nicht, sondern hoffte es aus irgendeinem Grund. Der Schotte ahnte dass dieser Verbrecher einen besonders harten Fall darstellte wenn der König selbst sich verantwortlich fühlte die Suche nach ihm zu lenken.
Ganz plötzlich öffnete sich vor den beiden der Rest des runden Saals. Am Boden schleifend wurde der Vorhang beiseite geschoben, wahrscheinlich von einem Mechanismus, denn es war niemand zu sehen der es von Hand tat.
Durch die hohen Fenster auf der anderen Seite fiel strahlend Hell das Licht der gen Zenit schleichenden Sonne, dass im ersten Moment stark blendete, bis sich Winstons Augen daran gewöhnt hatten. In einiger Entfernung stand seitlich zu Bolerius und ihm ein massiver Stuhl aus glänzendem Metall, unüblich für einen König wie Winston stutzend bemerkte.
Die Gestalt die auf diesem Thron saß wirkte ganz und gar nicht erhaben wie die Vertreter die um ihn herum an den Wänden hingen und auch auf der anderen Seite ihre erdrückenden Blicke herabsanten.
Winston wusste dass der König noch jung war. Er regierte erst seid 7 Jahren, was im Gegensatz zu anderen Herrschern noch nichtmal annähernd ein Viertel der Amtszeit betrug.
Der, der dort auf dem Stuhl saß hatte eine gekrümmte Haltung eingenommen, die Schultern hingen kraftlos herab und das Gesicht hielt er verborgen hinter einer Hand, die seine Schläfen massierte. Sein blondes, kurzes Haar schimmerte wie Gold und war das einzige was deutlich zu erkennen war wenn man ihn gegen das Licht betrachtete. Die restliche Silhouette wirkte dramatisch mager, die Beine waren übereinander Geschlagen und wirkten in den langen schwarzen Lederstiefeln die er trug fast schon zu schlank und zerbrechlich. Winston überaschte dieser Auftritt, denn so wirkte er keinesfalls wie ein mächtiger Herrscher der er sein sollte.
An seiner Seite, in demütiger Verbeugung stand der Richter, und wiederrum hinter ihm das Schreibpult.
Winston tat es Bolerius gleich und ging eilig in die Knie.
Der König reagierte nicht, wirkte fast schon als würde er Schlafen. Das unangenehme Schweigen brach er dann aber doch nach ein paar Minuten der Stille selbst.
„...womit habe ich das verdient Bolerius?“, murmelte er. Die Stimme war jugendlich, aber doch schon so schwächlich als gehörte sie einen kranken, alten Mann.
Bolerius schwieg und senkte nur den Kopf.
„Diese Bestie...dieser Dämon...entkommen aus dem Käfig den ich ihm geschaffen habe!“
Bolerius sah auf und runzelte die Stirn. Auch Winston war verwirrt.
„Was meint ihr damit?“, fragte der Sekretär. „Ihr habt mit den Morden und dem Täter nicht das geringste zu tun.“
Der König hob die freie Hand und machte eine wegwerfende Handbewegung mit fast schon theatralischer Intensität.
„Wie kann es sein dass er erst eine ganze Armee Hammeriten und einen Hohepriester tötet? Wie kann es sein dass er unbemerkt mehrere Monate bis nach London reist? Das ist eine Schmach die mich fast erdrückt!“Die Stimme des Königs erhob sich nun doch, auch wenn es die Wut war die ihm dies erlaubte.
„Nun, dieses Problem werden wir nun lösen. Er wird sich nicht mehr lange verstecken können. Schließlich haben wir eine Spur.“, bemerkte Serpen ein wenig stolz.
„Er soll sich in dieser Taverne am Platz aufgehalten haben.“
„Das ist auch das einzige!“,blaffte der König.
„Wir haben fähige Männer in unserer Armee mein König: Sie werden ihn schnappen und töten.“
„Ihr versteht mich nicht!“ Abprupt erhob sich die dünne Gestalt von seinem Thron. Er schwankte leicht, doch weder Serpen noch Bolerius wollten ihm zur Hilfe eilen.
Winston starrte etwas perplex zwischen den dreien hin und her, bis Bolerius ihn anstupste und zu dem Pult deutete.
Winston zögerte, dann erhob er sich und eilte dort hin, ein wenig unsicher ob das einfach so in Ordnung ging.Der junge Monarch hielt ihn nicht auf. Ja, er schien ihn noch nichtmal zu bemerken.
Bolerius erhob sich langsam.
„Was ist euer Begehr mein König, wenn es nicht der Tod des Mörders ist?“
„Ich will ihn Lebend und ihn sehen!“, antwortete er.
Winston fand auf dem Pult eine Schreibfeder, ein Fass Tinte und einen Stapel Papier vor. Seine Hände zitterten leicht als er anfing zu notieren.
„Wollt ihr eine persönliche Unterredung mit ihm?“, fragte Serpen irritiert.
„...ich will ihm ins Gesicht sehen...“ Das Flüstern des Königs war ein eiskalter Hauch der sowohl Bolerius, als auch den Richtern als auch Winston erstarren ließ.
Mit bedächtigen Schritten umrundete der König seinen Thron.
„Ich, Vinzent der erste, müsste mich schämen wenn ich so einem grausamen Wesen wie ihm nicht ins Gesicht sehen zu können. Außerdem...“
Bolerius sah zu Serpen und dieser erwiederte seinen warnenden Blick.
„Er war bereits kurz davor mir etwas zu nehmen...etwas wichtiges...und ich werde nicht zulassen dass er es beim zweiten Mal bekommt!“
Diese Stimme klang furchtbar gequält, schwächlich, und doch oder vielleicht genau deswegen erschreckte sie Winston. Ein König der so emotional war...der überhaupt Emotionen vorrangig sein ließ...war ein seltener Anblick.
„....ich habe bereits Maßnahmen ergriffen...“,flüsterte er plötzlich und ließ sich wieder auf den vermeindlichen Thron sinken.
Die beiden Männer tauschten wieder Blicke aus, diesmal fragend, alarmierend.
„Was...meint ihr damit?“, fragte Bolerius und diesmal war er es der unsicher und überrumpelt wirkte.
„Ich habe den Hohepriester vom städtischen Hammeritenkloster eine Nachricht überbracht. Eine Einladung zu dem baldigen Feste für...ihn. Ihr wisst was ich meine.“, murmelte er wieder leise und schwächlich und sackte wieder sichtlich zusammen.
„Mein König was soll das bewirken?!“
Serpen war bis auf wenige Schritte auf König Vinzent zugeeilt und war blass vor entsetzen.
„Wenn er kommt wird er euch töten wollen...und wenn er nicht kommt tappen wir immer noch im Dunkeln. Das ergibt keinen Sinn!“
„Was Sinn macht und welche Risiken vertretbar sind entscheide immer noch ICH!“,fuhr Vinzent ihn an.
„Wenn er kommt werde ich ihn erwarten!“
„Das ist Wahnsinn Majestät!“,wiederholte Serpen und schüttelte den Kopf.
„Haltet euch zurück!“, sprach Bolerius und fasste den Richter an der Schulter.
„Lasst Majestät und mich für einen Moment allein!“,zischte er ihm ins Ohr, allerdings so deutlich das sogar Winston es wahrnahm. Dem Schreiber liefen eisige Schauer über den Rücken bei all dem was er hier erfuhr.
Wiederwillig wollte Serpen etwas erwiedern, aber Bolerius legte einen Finger auf die Lippen und schob ihn weg. Mit düsterem Blick tat er dann doch wie ihm geheißen und er verließ die Halle.
Die angespannte Stimmung blieb.
„...ihr hättet uns von diesem Plan berichten müssen. Ansonsten wird es gefährlich.“,ermahnte ihn Bolerius mit einem hintergründigen Tonfall.
König Vinzent schüttelte heftig den Kopf.
„Es ist die einzige Chance...ihn aus seinem Loch zu locken...“
Er senkte die Hand und zum Vorschein kam ein edles, blasses Gesicht mit fast unnatürlich hellen, braunen Augen. Müdigkeit stand darin geschrieben, aber auch ein verbissener Trotz.
„Bolerius, ihr kennt euch doch aus mit dieser Art von Monster.“
„Ihr meint...naja...Dämonen?“,antwortete der Sekretär fast schon zögerlich.
Winston blickte auf und starrte Bolerius verwundert an.
Dämonen?
Der Bodenständige Bolerius befasste sich mit Dämonen?
„Ihr müsst mir helfen...ihr müsst herausfinden wie ich diese Schreckliche Kreatur entkräften kann.“ Vinzents Stimme war nur noch ein schwächliches Hauchen.
„Versprecht mir dass ihr das tut....“
Bolerius schwieg. Wie er dort stand schien er fast schon eine denkwürdige Skulptur abzugeben, zutiefst in Gedanken versunken und scheinbar im Kampf mit einem inneren Zwiespalt.
„Ich....werde tun was ich kann.“,glitt es dann doch über seine Lippen.
Erleichtert seufzte der König auf.
„Ihr könnt nun gehen...das war genug Beistand...“
Bolerius nickte und sah zu Winston.
Dieser hatte die Schreibfeder bereits niedergelegt, nicht weil er fertig war, sondern weil er dieses Gespräch mit all seinen Einzelheiten beobachtet hatte. Zum Glück war sein Vorgesetzter innerlich zu aufgewühlt um es zu bemerken. Er winkte ihn zu sich.
Beide verbeugten sich noch einmal tief vor seiner Majestät, doch Vinzent schien bereits wieder abgedriftet, total verloren, gefangen in einer anderen Welt jenseits des schwarzen Zaunes und dieses hellen, prunkvoll schimmernden Heimes.

Ein paar Augenblicke später verließen beide Männer das Anwesen durch das heruntergekommene Portal. Irgendwie passte es jetzt doch besser dazu, jetzt wo Winston seinen Besitzer kannte.
In einer Mappe trug er das bei sich was er abgeschrieben hatte fest umklammert. Er würde dass was er nicht mehr geschafft hatte heute Abend noch ergänzen. Doch etwas andere quälte ihn gerade viel mehr. Er wagte nicht zu fragen, doch zu gerne würde er wissen ob es Bolerius war dem er sich endlich anvertrauen konnte.
Doch der Sekretär kam ihm zuvor.
„Wir müssen noch zur Bibliothek.“,murmelte er.
„Für meine Nachforschungen brauche ich ein paar Nachschlagwerke.
Winston nickte eilig und beide gingen in die prunkvolle Bibliothek ein paar Straßen weiter.
Einer der Bibliothekare half ihnen gerne weiter, er und Bolerius schienen sich bereits gut zu kennen. Winstons Herz machte einen Hüpfer als sie ihn einen normalerweise verriegelten Teil des Archivs kamen, in dem Bücher lagerten die sonst niemand zu Gesicht bekam.
Es waren tatsächlich Bände über die verbotenen Künste, der Dämonologie und der schwarzen Magie deren Inhalte zwar mehr als fragwürdig waren was die Glaubwürdigkeit betraf, aber das zählte nicht. Wenn Bolerius sich mit diesem Thema auseinander setzte, dann musste etwas dran sein an dem was darin stand.
Der Bibliothekar hatte bereits einige Bücher gebracht, doch bei seinem letzten Lauf kam er mit leeren Händen wieder.
„Bedauerlicherweise habe ich bemerkt dass ein Band fehlt...“,gab er zögerlich zu. „Es muss verlegt worden sein...“
„Das macht nichts.“,beruhigte Bolerius ihn.“Das was ich habe reicht mir.“
„Es wird schon wieder auftauchen.“,lächelte der Bibliothekar erleichtert über die lässige Reaktion so eines angesehenen Herrens.
Was er nicht ahnte war, dass das Buch die nächsten Jahre in meinem Regal stehen würde, denn Mephisto hielt das Versprechen dass er mir gegeben hatte. Er würde mir zeigen wer oder was ich war – und noch einiges darüber hinaus. Doch bis dahin würde noch einige Zeit vergehen. Denn wärend die Vergangenheit Winston längst überrollt hatte, musste sie mich noch einholen, damit mein Leben nicht seinen Sinn verlor.
Die Fäden des gewobenem Schicksal hatten mich bereits zu fest umgarnt, eine Flucht war sinnlos. Aber Winston spielte in diesem Gewirr aus Fäden eine wichtigere Rolle, und auch er würde daraus nicht entkommen, solange ich nicht entkommen war. Und genau dabei würde er mir helfen.

 
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